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Heft 4/2000
Diskussionsbeiträge zum Artikel: Lethmate, Jürgen 2000: Ökologie gehört zur Erdkunde - aber welche? Kritik geographiedidaktischer Ökologien.
Geoökologie – mit welchem Ziel?
Michael Aepkers (Hannover)
1. Wenn sich Schüler heute mit Umweltproblemen auseinandersetzen, dann geschieht das (ob gewollt oder nicht) auch ohne ein grundlegendes Verständnis
naturwissenschaftlicher Grundlagen (Klima, Chemismus, Geomorphologie, das Wechselspiel der Lebewesen mit diesen und anderen ‘abiotischen Faktoren’ und untereinander). Wenn ich diese
naturwissenschaftlichen Grundlagen jedoch unterrichtlich aufarbeite, dann stellt sich die Frage, welche Erwartung bzw. welches Ziel ich damit verknüpfe.
Die Geoökologie kann als ernstzunehmende Wissenschaft unter vielen (gleichwohl von Lethmate zurecht kritisch) betrachtet werden, die sich von der
klassischen Physischen Geographie emanzipiert hat. Die Frage, der man sich zu stellen hat, ist doch, welchen Beitrag (geo-)ökologisches Wissen auf das Umwelthandeln bzw. Nicht-Handeln von Jugendlichen hat. Und
dieser Befund ist deprimierend. Selbst die Shell-Jugendstudie 2000 weist darauf hin, was in der Diskussion um ökologische Wissensbestände eigentlich schon seit bereits fünfzehn Jahren bekannt sein sollte (Langeheine
und Lehmann 1986, Lehmann 1999), aber im geographiedidaktischen ‘Zentrierungsfach’-Bestreben immer wieder verdrängt wird: Wer viel zum Beispiel über ökologische Zusammenhänge weiß, ist noch lange kein
umweltbewußterer Mensch, als jener, der über ein nur geringes Wissen darüber verfügt.
Lethmate sucht nach einer Ökologie, die der Erdkunde gerecht wird. Ich suche nach einer Antwort auf die Frage, ob Geoökologie Schülern gerecht wird.
Kann sie eine ermutigende Alternative zu bildungspolitisch gewolltem schulischen Umweltlernen darstellen, die unter anderem Alltagserfahrungen von Heranwachsenden sowie psychologische Implikationen (zunehmend von
handfesten Existenzängsten überlagerte Umweltängste sowie Resignation angesichts wenig ermutigender politischer Entscheidungen etc.) berücksichtigt? Meine Antwort darauf fällt negativ aus.
2. Der Vorwurf an die Geographiedidaktik, sich viel zu wenig mit den ‘konkret erfahrbaren Phänomene des Nahraums’ zu beschäftigen, scheint
angesichts der Ergebnisse der Schulbuchuntersuchungen (Lethmate: 66) berechtigt zu sein. Bevor sich nun aber die Geographiedidaktik in neu gewecktem Enthusiasmus dem ‘Nahraum’ widmet, sei vor Willkür und
Kurzschlußreaktionen gewarnt. Zunächst sollten die bedrückenden Ergebnisse empirischer Untersuchungen zur Handlungswirksamkeit der – vor allem von der Biologiedidaktik ernsthaft diskutierten und betriebenen
– lokalen Umwelterziehungskonzeptionen berücksichtigt werden.
3. Wenn ich Schüler mit dem, was ich ihnen anbiete interessieren und erreichen kann, dann stellt sich meines Erachtens nicht die Frage, ob mein
ökologisch ausgerichteter (Erdkunde-) Unterricht stärker biologische oder chemische Aspekte aufgreift. Jugendliche merken sehr wohl, ob ihre Interessen ernst genommen oder ihre Fragen an einer vorgegebenen
Fächersystematik ‘geschliffen’ werden. Mehr noch: Dann nehmen wir der Lehrerschaft die Luft weg, zwängen sie in ein weiteres, neu konstruiertes Korsett. Und die Bilanz? Die Mehrzahl der Lehrerinnen und
Lehrer distanziert sich immer stärker von einer Hochschuldidaktik, die sich – auch wenn sie genau das Gegenteil erreichen möchte – von den eigentlichen Problemen z.B. eines geoökologischen Unterrichts
unterhalb der Sekundarstufe II entfernt. Wie ist es denn zum Beispiel mit der Teilnahme von Haupt- oder Realschullehrern an Geographentagen bestellt? Und welche unserer fachdidaktischen Zeitschriften reflektiert in
ihren Unterrichts- oder Theoriebeiträgen die (oft traurige) Realität in Haupt- oder Gesamtschulen?
Fazit: Die Fragen und unterrichtlichen Probleme der Lehrerinnen und Lehrer müssen stärker ins Visier fachdidaktischer Forschung rücken. Dann wird sie
spannend, lebendig – vielleicht auch chaotisch, da so manche hervorragende Arbeit (und die von Lethmate ist eine!) in nullkommanix von Schülern ausgehebelt wird. Leider verweist Lethmate nur am Rande auf diese
unterrichtlichen Probleme, die er auf dem Hintergrund seiner langjährigen Tätigkeit als Lehrer mit ‘Zumutung’ für Schüler und Lehrer beschreibt. Ich hatte das Glück, Jürgen Lethmate als Lehrer in den
Fächern Biologie und Erdkunde kennen zu lernen – als sein Schüler von der 5. bis zur 12. Klasse in Nordrhein-Westfalen. Und ich weiß, daß wir Schüler ihn bei seinem engagierten Bestreben, ökologische
Zusammenhänge an Problemfeldern zu erarbeiten (Bodenversauerung und ‘Waldsterben’, Fluß- und Luftverschmutzung durch Steinkohleabbau und deren Verstromung, Auswirkungen von Stärkeabwasserverregnungen auf
Bodenflora und –fauna etc.) häufig genug enttäuscht haben. Dann nämlich senkte sich regelmäßig sein Haupt Richtung Pult und die Arme wurden in einer Geste des ‘ich kann es nicht fassen – wieder
nichts kapiert’ über den Kopf zusammengeschlagen. Manch einer von uns wurde entsprechend ‘ausreichend’ dafür belohnt.
Meine Wünsche: Mehr ‘Quer-Denken’, denn nichts anderes tun Schüler auch. Mit den Schülern Vereinbarungen treffen, also konsequent
miteinander darüber kommunizieren, warum man dieses oder jenes als Lehrer für wichtig hält. Auf der anderen Seite die Schüler mitentscheiden lassen, ihren Interessen (fachunabhängigen) Raum lassen. Geoökologie - im
‘lethmateschen’ Sinne - hätte in dieser Variante sicherlich Erfolg.
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