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Heft 4/2000
Diskussionsbeiträge zum Artikel: Lethmate, Jürgen 2000: Ökologie
gehört zur Erdkunde - aber welche? Kritik geographiedidaktischer Ökologien.
Ökologie und Umweltschutz? ‘Drum prüfe wer sich ewig binde, ...’
Heike Arning (Münster)
In dem Text werden zwei grundlegende Fragen in erfreulichem Maße umfassend diskutiert, die m.E. insbesondere aus schulpolitischer und unterrichtspraktischer
Sicht in ihrem Potential nicht zu unterschätzen sind. Dies wäre zum einen die deutliche Unterscheidung zwischen ökologischen und umweltpolitischen Fragestellungen im Unterricht sowie die Art ihrer Thematisierung und
zum anderen die präzise Bestimmung des ‘geographischen Standortes’ bezüglich ökologischen Fragen im Erdkundeunterricht. Hierzu sollen im Folgenden noch einige Anmerkungen gemacht werden.
1. Ökologische und umweltpolitische Fragestellungen
Werden in dem Aufsatz ‘Indianer-Ökologie’, ‘Jutetaschen-Ökologie’ und ‘Gleichgewichts-Ökologie’ abgelehnt, so ist dies
zunächst besonders aus wissenschaftstheoretischer Sicht begrüßenswert; denn es entspricht der Tatsache, daß Ökologie eine reine Naturwissenschaft ist, die zunächst nicht normativ und wertend ist. Normative Wertungen
von Ökosystemzuständen sind dagegen gesellschaftspolitische Fragestellungen und beides sollte m.E. auch im Unterricht getrennt werden, anstatt dem Schüler mit dem kryptonormativen Gleichgewichtsbegriff oder
ähnlichem gesellschaftliche, umweltpolitische Normen als wissenschaftlich zwingend zu verkaufen. Der Begriff Ökologismus ist hier durchaus korrekt angebracht. Ethisch normative Verhaltensgrundlagen lassen sich nicht
allein aus naturwissenschaftlichen Tatsachen herleiten. Wie im hermeneutischen Perspektivwechsel erläutert wird, heißt das nicht, daß die Auswirkungen gesellschaftspolitischer Entscheidungen kein ökologischer
Gegenstand sind. Richtig wird dargelegt, daß die Betrachtung der gesellschaftlichen Bedingungen im Rahmen ökologischer Fragen nur in ihren Auswirkungen erfolgen kann, nicht in ihrer Wertung.
Bei der Betrachtung dieser gesellschaftspolitischen Seite ist es im Erdkundeunterricht jedoch m.E. durchaus gerechtfertigt, über diese bis dahin ökologische
Sichtweise hinauszugehen, nur befindet man sich bei der Betrachtung ethisch-wertender Fragen dann eben nicht mehr im Bereich der Ökologie. Von einer innige Verknüpfung von ökologischen Fragen und Fragen des
Umweltschutzes, wie sie im großen Teil der Geographie-Didaktik als nahezu selbstverständlich propagiert wird, ist daher abzusehen. Da ‘prüfe doch bitte, wer sich ewig binde’. M.E. können und sollten
Fragen der Umwelt-Ethik nicht indoktrinär behandelt werden (sie können also auch keine Erziehungsziele sein) aber sehr wohl konträr im Unterricht diskutiert werden. Den Schülern muß dabei deutlich werden, daß es
sich hierbei nicht um wissenschaftliche Tatsachen und ‘Wahrheiten’ handelt, sondern um gesellschaftspolitische Fragestellungen, wobei eine ‘Lösung’ je nach Gewichtung verschiedener Faktoren
(z.B. sozialer und umweltpolitischer) und je nach kulturellem Blickwinkel sehr unterschiedlich ausfallen kann. Einen überaus attraktiven Ansatz bietet hier der von Rhode-Jüchtern (1995) vorgeschlagene
Dilemma-Diskurs, da er zur Reflektion von Werten statt zu einer unreflektierten Übernahme anregt. Die genannte Allmende-Klemme ist hier sicher ebenfalls als Diskussionsansatz geeignet. Den Schüler hingegen mit
Handlungsaufforderungen in ein Spannungsfeld zu bringen, dessen Beeinflußbarkeit ihm (noch) gar nicht offen steht, ist hingegen unverantwortlich. Wichtig ist jedoch, daß solche Betrachtungen von einer
ökologisch-naturwissenschaftlichen Dimension im Erdkunde-Unterricht strikt zu unterscheiden sind.
2. Geographie im Erdkunde-Unterricht?
Tatsache ist: Die Geographie ist und bleibt die Bezugswissenschaft des Faches Erdkunde. Kritisiert Schmidt-Wulffen 1999, daß der ‘wissenschaftliche
Gegenstand Raum’ real nicht faßbar sei, so ist dies zwar richtig, jedoch nicht relevant, da der Raum nicht Gegenstand sondern Erschließungsdimension der Geographie ist. Dieser Erschließungsdimension wird bei
Lethmate (2000) auch für den ökologischen Bereich die entscheidende Bedeutung beigemessen. Im geoökologischen Ansatz mit den Schülern Horizontal- und Vertikalstruktur der Landschaft in
ökosystemkompartimentübergreifender Sicht zu erfassen und das im Rahmen der vier Prinzipien der Umweltbildung und mit einer ethnoökologischen Bereicherung, erscheint zunächst als anspruchsvoller Ansatz, der in der
Tat zu Überlegungen bezüglich der dafür erforderlichen Lehramtsausbildung anregt. Dieser Ansatz bietet jedoch ein Konzept, daß präzise in seiner Abgrenzung gegenüber anderen Fächern bestimmt ist und sich erst
dadurch die praktische Kooperationsmöglichkeit mit anderen Fächern, wie der Biologie, im Schulalltag eröffnet, in dem eine wenngleich anspruchsvolle so doch angesichts der Realität überzeugende Präzisierung und
Realisierung durchaus möglich erscheint und m.E. zukunftsweisend ist.
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