DIE ERDE
Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde

Heft 4/2000

Diskussionsbeiträge zum Artikel: Lethmate, Jürgen 2000: Ökologie gehört zur Erdkunde - aber welche? Kritik geographiedidaktischer Ökologien.

Ökologische Bildung ohne Moral? 

Eberhard Kroß (Bochum)

‘Die Zukunft des Menschen wird entscheidend davon abhängen, inwieweit es uns gelingt, die in der modernen Welt obsolet gewordenen biologischen Determinanten unseres Verhaltens durch Vernunft zu dämpfen oder auszuschalten. Wir müssen uns von manchen biologischen Wurzeln unseres Verhaltens lösen und uns an vernünftig vereinbarte Normen halten, die den Sachzwängen der heutigen Welt gerecht werden. (...) Wir müssen erkennen, was an darwinischen Determinanten in uns steckt, und Barrikaden errichten, wenn dieses Erbe unser kultiviertes Leben bedroht: Barrikaden vor der eigenen Unmenschlichkeit. Wir müssen andererseits jenes darwinische Erbe, das mit unseren kultivierten Intentionen konform geht, mit allen Kräften fördern.’

Wer dieses Zitat von Moser (1992 b: 1048 f.) zur Kenntnis nimmt, muß staunen, wenn Lethmate den gleichen Autor als Kronzeuge dafür bemüht, daß die Menschen nicht paradiesfähig seien, ja nicht einmal friedensfähig. Für ihn hat das ‘Bioprogramm des Menschen’ so große Bedeutung, daß unklar bleibt, wie eine moralische Verantwortung des Menschen entstehen und aussehen kann - und sei es nur im Umweltbereich. Welche Folgerungen sollte etwa der interkulturelle Geographieunterricht ziehen, falls wirklich nachgewiesen würde, daß Fremdenfeindlichkeit auch genetische Ursachen hat? So kennzeichnen die Warnungen vor einer ‘Ökophilosophie’ oder ‘Öko-Ethik’ den Anhänger einer reinen Abbilddidaktik, die sich an die vermeintliche Wertfreiheit der Wissenschaft klammert. Dabei sollte doch nachdenklich machen, daß der Begründer der modernen Ökologie, Haeckel, sich mit seinen Forschungsergebnissen als ‘republikanischer Atheist’ politisch engagiert hat (Pepper 1996: 184 f.). Sehr dezidiert haben Jank und Meyer in ihren ‘Didaktischen Modellen’ (1991: 75) darauf hingewiesen, daß die Frage nach den Konsequenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse ‘nur mit moralischen und ethischen Argumenten entscheidbar (ist), nicht durch Naturgesetze. Wissenschaftler, die die Frage nach vernünftigen Zielen der Erziehung für unwissenschaftlich halten und deshalb ausklammern, machen sich (...) nicht nur lächerlich - sie verwickeln sich auch in Widersprüche’. Ein Beispiel dafür wurde einleitend angeführt.

Für die moderne Pädagogik ist die Moralentwicklung ein wichtiges Thema, denn Erziehung ist u.a. ‘die bewußte und absichtsvolle Einflußnahme auf die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen’. So wurde jüngst noch einmal in der gemeinsamen Erklärung von Kultusministern und Pädagogenverbänden anläßlich der Kultusministerkonferenz vom 5.10.2000 formuliert. Im abendländisch-christlichen Denken ist der Mensch als vernunftbegabtes Wesen der Aufklärung zugänglich und als beseeltes Wesen zur Übernahme von Verantwortung verpflichtet. Beispielsweise waren Ritter (1862: 12) und viele Didaktikergenerationen nach ihm überzeugt, daß die Erde ‘die große Erziehungsanstalt des Menschengeschlechts’ sei. Daß - wie nicht nur Lethmate beklagt - zwischen unseren Einsichten, Einstellungen und Handlungen manchmal Welten liegen können, sollte uns nicht hindern, von jedem Glaubwürdigkeit einzufordern. Das Versagen einer fachlich enggeführten humanistischen Bildung angesichts der Verbrechen des Nationalsozialismus zeigt nur, daß wir uns noch überzeugender um den Erfolg einer Werteerziehung bemühen müssen. So etwas als ‘Gesinnungspädagogik’ und ‘Postulaten-Ethik’ tituliert zu sehen, irritiert schon.

Im einzelnen ist es durchaus anerkennenswert, wenn Lethmate Überzeichnungen und Fehler in der geographiedidaktischen Diskussion anspricht. Leider stört auch hierbei die Form der Argumentation. Lethmate geht pauschalisierend vor und unterstellt der Geographiedidaktik eine vereinheitlichte Meinung. Von biologischen Positionen ausgehend merkt man, daß ihm der geographische Ökologiebegriff viel zu offen ist. Die meisten seiner kasuistisch formulierten und belächelten geographiedidaktischen Ökologien lassen sich allerdings nur bei großzügigem Umgang mit der Literatur nachvollziehen. Bereits vor Lethmate hatten Geographiedidaktiker falsche oder überzogene Positionen wie im Beispiel der ‘Indianer-Ökologie’ kritisiert. So hatte Engelhardt bereits 1994 auf die Fälschung der Seattle-Rede hingewiesen. Aber im Grunde steht hier nicht eine fehlerhafte Ökologie am Pranger, sondern die ethische Orientierung ähnlich wie bei der ‘Jutetaschen-Ökologie’.

Selbst hinsichtlich der ‘Geozonen-Ökologie’ läßt sich die Kritik nicht nachvollziehen, wenn man an die Definition von Klink (1996: 109) denkt, nach der sich Geoökologie oder Landschaftsökologie (synonym verstanden!) ‘der Erforschung der Geoökosysteme in den verschiedenen räumlichen Dimensionen (Größenordnungen) mit maßstäblich angepaßten Methoden vom Ökotop über die Ökotopengefüge verschiedener Dimensionsstufen, die klimatisch bestimmten Landschaftszonen bis zur Erde als globalem Geoökosystem’ widmet. Natürlich ist es didaktisch sinnvoller und wertvoller, in das Ökosystem an Beispielen aus dem Nahraum einzuführen - aber die Kritik bezieht sich auf den Geographieunterricht in der Oberstufe, der ja weiterführender Natur ist. Prinzipiell hatte schon Härle in seinem grundlegenden Aufsatz (1980: 481) die ‘Bevorzugung des Entfernten’ beklagt, so daß längst mit einer Fülle von Beispielen auch der Nahraum zu seinem Recht gekommen ist (u.a. bei Kroß 1993), was Lethmate nur nicht zur Kenntnis genommen hat. Ähnlich überspitzt wird die ‘Satellitenbild-Ökologie’ abgetan, bei der es sich eigentlich um eine zusätzliche Fragestellung im Rahmen der Bildinterpretation handelt. Völlig unabhängig davon, daß Satellitenbilder im Geographieunterricht didaktisch durchaus ambivalent bewertet werden, verwundert es doch, wenn unter Verweis auf Literatur aus den Jahren 1998 und 1999 behauptet wird, sie seien im Biologieunterricht fest verankert und ließen sich dort angemessener einsetzen. Äußert sich hier nicht ein wissenschaftstheoretisch längst überwundenes Schubkastendenken?

Bei selbstkritischer Betrachtung fällt auf, daß Lethmate die Verbindung eines wissenschaftlich klaren Ökologiekonzeptes mit einem manchmal vagen, alltagsweltlichen Umweltkonzept nicht thematisiert. In der Diskussion um nachhaltige Entwicklung und die Agenda 21 ist es in der Geographiedidaktik weitgehend zu einer Gleichsetzung beider Konzepte gekommen. Dabei wird Nachhaltigkeit unter Betonung der menschlichen Eingriffe in natürliche Stoff- und Energieflüsse eher im Sinne einer Gleichgewichtsvorstellung verstanden, schon weil so die Tragfähigkeit von Räumen besser thematisiert werden kann. Zentral ist für die Geographiedidaktik jedoch, daß der Mensch als Nutzer und Gestalter in das Ökologie- bzw. Umweltkonzept integriert wird und eine zentrale Position zugewiesen bekommt.

 ‘Nachdem viele Probleme dadurch entstanden (sind), daß die oft negativen Folgen bestimmter Maßnahmen für Natur und Umwelt nicht berücksichtigt wurden, versteht man nun unter Ökologisierung, daß Natur und Umwelt den erforderlichen Stellenwert bei allen Nutzungen und Eingriffen (durch den Menschen) erhalten sollen. Ziel ist es, zu Nutzungsweisen zu kommen, die nachhaltig untereinander und mit Natur und Umwelt verträglich sind.’ Was hier das Niedersächsische Landesamt für Ökologie als Zielsetzung seiner Arbeit definiert (www.nloe.de vom 05.11.2000), kann auch als ein Bildungsauftrag des Geographieunterrichts übernommen werden. Nichts anderes meint meine von Lethmate kritisierte Forderung an das Curriculum.

 Woher kommt bei Lethmate die Gewißheit über den Evolutionserfolg der Menschheit? Weil wir ohne in Schranken gewiesen zu werden, Raubbau an der Natur treiben und Ressourcen verschwenden können? Woher kommt die Gewißheit, daß solch ein Verhalten völlig natürlich sei und alle Versuche, es durch Verbote, Überzeugung oder gar Erziehung zu verändern, zum Scheitern verurteilt sein sollen? Verglichen mit dem Zustand vor zehn Jahren hat sich das Umweltverhalten der Mehrheit unserer Mitbürger deutlich verbessert: Wir trennen den Müll und recyclen die Wertstoffe, wir fahren mit Katalysator, entsiegeln Flächen und beruhigen den Verkehr, wir sind sogar zu einer ökologischen Steuerreform bereit, die ihren Namen verdient. Kann es nicht gerade sein, daß der Evolutionserfolg des Menschen darauf beruhen wird, daß er seinen Verstand zu Hilfe nimmt und sein moralisches Gewissen nicht unterdrückt? Liegt es da nicht auf der Hand, daß der Fachdidaktiker als guter Pädagoge diese Ansätze aufgreifen und so verstärken möchte, daß das Überleben der Menschheit auch in Zukunft gesichert ist?!