DIE ERDE
Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde

Heft 1/2000

Christof Parnreiter (Wien)

Die Regionale Integration und sozioökonomische Desintegration. Auswirkungen von NAFTA auf mexikanische Binnenwanderungen und die Emigration in die USA

Mexiko ist ein Land mit umfangreichen Migrationen. 1995 lebte fast ein Fünftel der Bevölkerung oder 17,6 Mio. Menschen nicht in dem Bundesstaat, in dem es geboren wurde. Das tatsächliche Ausmaß der Binnenwanderungen ist noch wesentlich größer, da zu den zwischenstaatlichen Migrationen jene kommen, die innerhalb eines Bundesstaates verbleiben. Auf die Dimension der Binnenmobilität gibt der hohe Grad der Verstädterung einen Hinweis - fast drei Viertel aller Mexikaner lebte 1990 in Städten2, was gegenüber 1940 eine Verdoppelung bedeutet (INEGI 1996: 409; INEGI 1994: 42). Die Emigration ins Ausland (vorwiegend in die USA) ist ebenfalls sehr umfangreich: 1996 lebten etwas mehr als sieben Mio. Mexikaner in den USA (etwa ein Drittel von ihnen ohne gültige Papiere), was etwa 12% der in Mexiko lebenden Bevölkerung ausmacht. Allerdings unterschätzt auch diese Zahl das Ausmaß der tatsächlichen Wanderungen, da viele Emigranten bzw. deren Kinder die US-Staatsbürgerschaft annehmen. So wurden schon zu Beginn der 1990er Jahre 8,7 Mio. Arbeitskräfte mexikanischen Ursprungs (d.h. Mexikaner, mexikanische Emigranten, die mittlerweile als US-Bürger naturalisiert wurden, sowie Nachfahren von ehemaligen Emigranten) gezählt (Secretaría de Relaciones Exteriores 1997: 10; Hinojosa Ojeda et al. 1998: 52).


Zusammenfassung: Die Regionale Integration und sozioökonomische Desintegration. Auswirkungen von NAFTA auf mexikanische Binnenwanderungen und die Emigration in die USA

Vertiefte regionale Integration hat in Mexiko zu einem markanten Wandel der Migrationsmuster geführt. Zum einen steigt die Zahl sowohl der Binnenwanderer als auch der Emigranten in die USA stark an, zum anderen verändern sich seit den 1980er Jahren die räumlichen Muster der Binnenmigration. Mexico City, das jahrzehntelang der mit Abstand wichtigste Zuwanderungspol des Landes war, ist in den 1980er Jahren zu einem Netto-Abwanderungsgebiet geworden: Die Stadt wächst nicht mehr wegen der Immigration, sondern trotz der Emigration. Parallel dazu sind neue Zuwanderungsgebiete entstanden, und zwar vor allem Städte mittlerer Größe im Norden und Südosten des Landes. Der Hintergrund für diese Transformationen liegt in der seit den 1980er Jahren vertieften Integration Mexikos in den von den USA dominierten Wirtschaftsraum. Freihandel und Globalisierung haben allerdings negative Auswirkungen für den Großteil der mexikanischen Wirtschaft (insbesondere für die Landwirtschaft), was den starken Anstieg der Wanderungen erklärt. Im Zuge der Globalisierung verändert sich aber auch die ökonomische Geographie Mexikos, wie der Boom der Exportindustrien an der Grenze zu den USA zeigt. Es sind genau diese in das globale Fließband integrierten Städte, die zu den neuen Immigrationspolen geworden sind.

Summary: Regional integration and socio-economic disintegration. NAFTA's impact on internal migration in Mexico and emigration to the USA

Stronger regional integration in Central America has given rise to new migration patterns in Mexico. On the one hand, the number of both internal migrants in Mexico and of emigrants to the United States is increasing strongly. On the other hand, spatial patterns of migration in Mexico have been changing since the 1980s. Mexico City, the most important center of immigration for decades, has been trans-formed into an area of net emigration. The city is no longer growing because of immigration, but despite emigration. In addition, new centers for immigration emerged in Mexico, mainly in the north and southeast of the country. These transformations are caused by the deeper integration of Mexico into the North American economic space. Free trade and globa-lization negatively impacted most parts of the Mexican economy, particularly agriculture, and that is why ever more people are being forced into migration. Furthermore, globalization is changing the economic landscape of Mexico , creating an area of booming export industries in the north of the country. Precisely those cities that, as manufacturing sites, are integrated into the worldwide assembly line, have become the most important immigration centers in recent years.

Résumé: Intégration régionale et dégradation socio-économique. Les effects de la convention NAFTA sur le migrations à l'intérieur du Mexique et sur l'émigration vers les États-Unis

L’ approfondissement de l’ intégration regionale a conduit, en Mexique, à la modification prononcée des modèles de migration. D’une part, non seulement le nombre des migrants intérieurs mais aussi le nombre des émigrants aux États Unis augment significamment, d’ autre part, il existe un changement des modèles spatials de la migration intérieur dès 1980. Mexico, étant - de beaucoup - le but le plus important de la migration à l’ intérieur du pays, est devenue dès les années 80 une région avec une émigration net. La ville ne s’étant plus à cause de l’immigration mais malgré l'émigration. En même temps, d’autres régions d’immigration se sont formées, sûrtout dans les villes d’ un grandeur moyen dans le nord et le sudeste du pays. L’ arrière-plan pour cette transformation se trouve dans l’intégration approfondise de Mexique dans l’espace économique domine par les États Unis. Bien sûr, la liberté de commerce et la globalisation ont des effets négatifs sûr une grande partie de l’économie mexicaine (sûrtout dans le sécteur agricole), ce qui explique l’augmentation des migrations. Au cours de la globalisation il y a aussi des modifications dans la geographie économique de Mexique comme l’on peut voir dans l’expansion des industries d’expor-tation près de la frontière américaine. Ce sont juste cettes villes intégrées dans la chaîne roulante globale qui ont devenues les nouveaux centres de l’ immi-gration.

Christof Parnreiter, Institut für Geographie der Universität Wien, Universitätsstraße 7/5, A - 1010 Wien