DIE ERDE
Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde

Heft 2/2000

Ernst Steinicke (Innsbruck)

Counterurbanization in der kalifornischen Sierra Nevada. Das Hochgebirge als neuer Siedlungsraum

Die vorliegende Arbeit befaßt sich mit dem modernen sozioökonomischen Wandel im zentralen Bereich der Sierra Nevada. Auffallendes Merkmal der gegenwärtigen Veränderungen ist ein Bevölkerungswachstum, das aufgrund seines Ausmaßes die Dimension einer (Neu-)Besiedlung des kalifornischen Hochgebirges angenommen hat. Immer weiter schiebt sich der Siedlungsausbau in die bislang weitgehend intakt gebliebene Naturlandschaft und in ökologisch sensible Höhenbereiche vor. Während die ökologische Problematik in dem groß angelegten Sierra Nevada Ecosystem Project (SNEP) in den Jahren 1995/96 vorgestellt wurde, beschäftigt sich dieser Beitrag im wesentlichen mit den demographischen und sozioökonomischen Konsequenzen.


Zusammenfassung: Counterurbanization in der kalifornischen Sierra Nevada. Das Hochgebirge als neuer Siedlungsraum

Die nach dem Goldrausch in der Sierra Nevada einsetzenden Wüstungserscheinungen konnten durch touristisch orientierte Innovationen am Ende der 1920er Jahre gestoppt werden. Weitere Bedeutungsgewinne der Fremdenverkehrsbranche führten im Hochgebirge (außerhalb der geschützten Bereiche) wieder zu einer Siedlungs- und Bevölkerungszunahme. Seit 1960 gehören die High Sierra Counties zu den kalifornischen Regionen mit dem höchsten relativen Einwohnerwachstum. Im vorliegenden Beitrag wurde versucht, den Einfluß der Wintersportregionen auf die heutige Bevölkerungsdynamik in der Sierra Nevada und damit die sich in der Gegenwart vollziehende Neubewertung peripherer Gebiete hervorzuheben. Die punkthaft organisierten Wintersportorte erweisen sich als Wachstumspole, die seit Jahrzehnten Impulse für die permanente Besiedlung der Umgebung erzeugen. Am Beispiel des Lake Tahoe Gebietes konnte dargelegt werden, wie sehr die touristischen Zentren in die Peripherie ausstrahlen und dort die horizontale und vertikale Einwohnerentwicklung steuern. Ähnliche Prozesse sind in den meisten übrigen Schiregionen Kaliforniens feststellbar. Bei den Neusiedlern handelt es sich durchwegs um eine wohlhabende, weiße Bevölkerung, die aus den Ballungsgebieten der Bay Area, des nördlichen Central Valley und Südkaliforniens zuwanderte und im Hochgebirge günstige Lebensbedingungen vorfand bzw. schuf. Arbeitsplätze in der Tourismusbranche sind erwartungsgemäß häufig, doch kann von einer einseitigen wirtschaftlichen Ausrichtung - wie es in etlichen anderen Tourismusregionen der Fall ist - nicht die Rede sein. Um einer ökologisch bedenklichen Entwicklung entgegenzutreten, wird es notwendig sein, das enorme flächenhafte Siedlungswachstum (‘Zersiedelung’) im Hochgebirge durch raumplanerische Instrumente zu steuern.

Summary: Counterurbanization in the Californian Sierra Nevada. High mountain regions as new areas for settlement

The progressive population exodus following the demise of the ‘Gold Rush’ and the subsequent rise of deserted settlements (‘ghost towns’) in California’s Sierra Nevada, were reversed through tourism-oriented innovations in the late 1920s. The increasing significance of tourism in these high-altitude regions led to a renewed growth of population and settlements outside designated nature preserves. From 1960 onward, the High Sierra counties rank among those Californian regions with the strongest relative population growth. This study seeks to demonstrate the influence of winter sport resorts on present population dynamics in the Sierra Nevada and to highlight the resultant re-evaluation of peripheral areas. California’s scattered winter sport centers have become focal points for permanent mountain settlements over the past decades. A case study in the Lake Tahoe region demonstrates the strong effects of tourist centers on demographic expansion at different altitudinal levels. Similar processes can be found in many other California ski areas. The new year-round residents are predominantly affluent whites who immigrated from the urbanized areas around the San Francisco Bay Area, the northern Central Valley, and Southern California. They have found or created favorable living conditions in these high-mountain regions. Predictably, tourism provides the majority of job opportunities. However, a certain degree of economic diversity exists which is rarely found in other tourism regions. In order to counter negative ecological developments, it will be necessary to control the enormous sprawl of human settlements through wise zoning policies.

Résumé: ‘Counterurbanization’ dans la Sierra Nevada en Californie. Une nouvelle colonisation de la haute montagne

Dans la Sierra Nevada le processus de l‘abandon des colonies après la fièvre de l’or (‘gold rush’) pouvait être arreté par des innovations touristiques à la fin des années 1920. La signification croissante du tourisme a méné à une augmentation de la colonisation et du peuplement de la haute montagne (en dehors des regions protégées). Depuis 1960 les ‘High Sierra Counties’ font partie de ces régions californiennes qui présente la plus haute croissance relative de la population. Cette étude se propose de montrer l’influence des régions de sport d’hiver sur la dynamique de la population dans la Sierra Nevada et, par conséquent, sur la nouvelle évaluation des territoires périphériques. Les stations de sport d’hiver isolées se présentent comme des pôles de développement (de croissance) qui depuis des siècles créent des impulsions pour la colonisation montagnarde permanente. L’exemple de la région du Lake Tahoe montre les effets importants des centres touristiques sur le peuplement dans les differentes zones d‘altitude. On trouve des processus analognes dans les autres régions de sport d’hiver en Californie. Les nouveaux habitants de la montagne sont des représentants d’une population bien à l’aise, ethniquement blanche, immigrée des agglomérations de la Bay Area, de la Central Valley septentrionale et de la Californie méridionale qui y trouve (et y crée) des conditions de vie favorables. Ce qui prédomine, et ce n‘est pas surprenant, ces sont les emplois dans le tourisme. Il ne s’agit pourtant pas d‘étroitesse économique rencontrée très souvent dans des régions touristiques. Pour empêcher des développements écologiques critiques, il faut diriger la croissance enorme du peuplement par des mésures appropriées de l‘aménagement du territoire.

A.Univ.-Prof. Dr. Ernst Steinicke, Geographisches Institut der Universität Innsbruck, Innrain 52, A-6020 Innsbruck