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Heft 4/2000
Diskussionsbeiträge zum Artikel: Lethmate, Jürgen 2000: Ökologie gehört zur Erdkunde - aber welche? Kritik geographiedidaktischer Ökologien.
Kann Geoethik Sünde sein?
Bernhard Verbeek (Dortmund)
Ökologie in der Erdkunde ist offenbar ein heißes Eisen. Ein Solches muß man schmieden, solange es noch nicht erkaltet ist. Schon wegen des im
Aktienfieber bedenklich abkühlenden öffentlichen Interesses an ökologischen Fragen scheint es wichtig, diese durch Herrn Lethmate angefachte Diskussion jetzt zu vertiefen. Sonst wird uns das Werkstück immer spröder
und immer schwerer zu handhaben, obgleich die ökologische Problematik immer brennender wird.
Viele der angeführten kritischen Punkte sind keineswegs nur geographiespezifisch, sie betreffen auch andere Fächer und vor allem die öffentliche
Diskussion. Da scheint es zwei nahezu beziehungslose Begriffe von ‘Ökologie’ zu geben: die ‘Fachökologie’, die emotionslos Zusammenhänge beschreibt und ihre wissenschaftlichen Päpste hat und
die ‘Gesinnungsökologie’, die an das Gute im Menschen appelliert und ihre moralischen Autoritäten besitzt, z.B. den Dalai Lama als lebenden Gewährsmann und den Häuptling Seattle als überlieferten
Propheten – dessen glänzende mythische Rede posthum von einem begabten Ghostwriter verfaßt wurde. Es wird, wie Lethmate richtig sagt, allerhöchste Zeit, daß wir uns ‘an einer Realanthropologie
orientieren und nicht an Wunschbildern’ (62). Diesem wesentlichen Teil der Ausführungen kann man nur nachdrücklich zustimmen.
Zu den Erkenntnissen der Realanthropologie gehört auch, daß die Psyche des Menschen zum geringsten Teil aus Wissenschaft besteht, sondern vor allem aus
Emotionen. Dem hat auch die Didaktik Rechnung zu tragen. Selbstverständlich muß die Lehre bezüglich der Wissenschaft auf der Höhe der Zeit sein. Die frohe Botschaft von Indianer- und Gleichgewichtsökologie verrät
ein bedenkliches wissenschaftliches Defizit ihrer Verkünder. Gleichwohl dürfen die anderen anthropologischen Komponenten, die emotionale sowie die ethische nicht vergessen werden. Kann es da falsch sein (wie Köck),
‘ökologische Verantwortung’ kulturell erzeugen zu wollen (‘durch Unterricht’), wenn man realistisch konstatiert, daß diese ‘nicht zum Biogramm des Menschen’ gehört (62)? Ist das
nicht, wenn Elternhaus und außerschulisches Umfeld versagen, eine wesentliche Aufgabe der Schule, unter anderem auch der Geographie? Ist dieses Unterfangen wirklich eine Überforderung menschlichen Lernens? –
egal ob wir den harten Ausdruck ‘Indoktrination’ verwenden oder nicht. Welche andere Chance bleibt uns überhaupt?
Allerdings, ohne flankierende Maßnahmen kann dieser Lernprozeß tatsächlich nicht funktionieren (so wenig wie geregelter Straßenverkehr oder ein
funktionierendes Steuersystem). Das Problem besteht nämlich weniger in mangelnder Lernfähigkeit, als vielmehr darin, daß es übermächtige konkurrierende Lerneinflüsse gibt, die ebenfalls auf den Menschen einwirken.
Im Rahmen eines vielfach rückgekoppelten zivilisatorischen Evolutionsprozesses regeln sich die Individuen und damit die gesamten Kulturen und ihre Kompartimente ein. Zum Beispiel ist unter den heutigen
‚globalisierten’ Rahmenbedingungen Gerede von ökologischer Verantwortung sehr überlebensfähig, Handeln nach diesen Maximen aber hat keinen Erfolg auf dem Markt der Möglichkeiten. Das erinnert an die
Feststellung des wegen seiner schonungslosen Analyse viel geschmähten Machiavelli: Der Anschein der Tugend ist sehr vorteilhaft, diese selbst aber nachteilig. Der Preußenkönig Friedrich (‘der Philosoph auf dem
Thron’) hat den Politphilosophen Machiavelli darob öffentlich herbe getadelt – selber aber in der Praxis exakt befolgt, was ihm dann den Beinamen ‘der Große’ eingebracht hat.
Interessanterweise handelt sehr ähnlich, wer pure Gesinnungsökologie verbreitet. Eine solche Person bekommt von deren moralischem Glanz etwas ab ohne
auf die Früchte ihrer Skrupellosigkeit in der Praxis verzichten zu müssen. Den Zorn der Mitmenschen lenkt sie auf andere. Wer sich aber tatsächlich an die stets gepriesenen ‘ökologischen’ Maximen hält,
wird belächelt (und ausgebeutet). Wer nun, weil er bzw. sie das ändern will, diese Maximen als fragwürdig hinstellt, wird beschimpft – selbst wenn sich die Person im Gegensatz zu ihren Kritikern (den
faktischen Öko-Machiavellisten) an moralische Postulate hält. Das sollte der Umweltpädagogik bewußt sein. Und sie sollte auf Abhilfe sinnen.
Ein Evolutionsspiel aus dem pädagogischen Traumland
Wenn es nach erfolgreicher Erziehung gelänge, einen Teil der künftig Erwachsenen nicht nur verbal, sondern auch faktisch zu entbehrungsreicher
Ressourcenschonung zu veranlassen, würden diese in der realen derzeitigen Welt keine guten Karten haben. Sie würden von der Bildfläche verschwinden, als Wirtschaftssubjekte, im Extremfalle sogar in ihrer physischen
Existenz – während die Skrupellosen sich umso breiter machen. Das würde weder den moralischen noch den ökologischen Zustand der Welt verbessern (ausführlicher, mit Lit. bei Verbeek 1998). Stets gewinnen
die erfolgreichsten Nutzer das Rennen. So funktionierte Evolution schon immer, die organismische und die kulturelle. So wandelte sich die Erde zu dem, was sie heute ist: ein Planet, der durch die evolutionsimmanente
‘Ausbeutungs- und Ausbreitungsmentalität’ der Pflanzen in geologischen Zeiträumen an eine Sauerstoffatmosphäre kam, der heute durch eben diese Mentalität der Menschen allmählich des Sauerstoffs wieder
verlustig geht und – viel gravierender – wieder mit CO2 angereichert wird. Insofern gehört die evolutionäre Betrachtung auch essentiell nicht nur in die Biologie, sie ist auch das Paradigma der Kunde des
Blauen Planeten, also der Erdkunde.
Müssen wir nun angesichts des oben skizzierten moralischen Dilemmas auf jeden Beitrag zu einer Verbesserung der Umweltmoral im Geographieunterricht
verzichten und dieses wichtige Feld den speziell dafür vorgesehenen Disziplinen allein überlassen (die allerdings auch mit ihren großen Erfolgen bezüglich des moralischen Verhaltens der Massen auf sich warten
lassen)? Lethmate scheint dahin zu tendieren, nennt aber zugleich mindestens zwei besonders interessante Bereiche, in denen der ethikbezogene Fachbeitrag der Geographie m.E. besonders gefragt ist: Ethnoökologie und
die Allmende-Klemme. (Letztere besteht bekanntlich darin, daß die Allmende bis zum Zusammenbruch überfordert wird, wenn immer mehr Nutzer immer mehr Ertrag herausholen, daß der Einzelne, der sich zurückhält, die
vollen Nachteile des Verzichts zu tragen hat ohne daß das bei einer großen Gemeinschaft die Situation überhaupt meßbar verbessern könnte.) Die Ethnoökologie könnte Wichtiges zur Frage beitragen, unter welchen
Bedingungen Allmendewirtschaft nachhaltig funktioniert.
Vermutlich erst wenn diese Problematik von einer hinreichenden Zahl von Menschen durchdacht und begriffen ist, ist die moderne Zivilisation in der
Lage, sich eine Verfassung (Allmendeordnung) zu geben (und diese auch durchzusetzen), die der ökologischen und der anthropologischen Realität hinreichend gerecht wird. Dazu gehört ganz wesentlich die internalisierte
Erkenntnis: Maßlosigkeit im Ressourcenverbrauch dürfte sich nicht auszahlen; Inanspruchnahme von knappen Gütern (auch ‘ökologischen’, die zur Zeit wenig oder gar nichts kosten) müßte sofort bezahlt
werden. Es gibt Ethnien, bei denen das zufällig so ist (als Anregung möchte ich dazu exemplarisch auf den Bericht von Ernst et al. 1998 hinweisen).
Leider ist bei uns ein solcher Rahmen heute überhaupt nicht konsensfähig (noch nicht?). Das zu ändern ist die wesentliche Zukunftsaufgabe der
Umwelterziehung. ‘Zur Fundierung ethischer Fragen ... bedarf es kritischer Analysen’ (75). Solche können natürlich auch im Rahmen der Erdkunde erstellt werden. Nicht immer sind das ‘unkritische
Grenzüberschreitungen’. Die Geographie hat auch auf dem Feld der Umweltethik durchaus autochthone Anteile zu bearbeiten, die uns dem Ziel einer Kultur der Nachhaltigkeit näher bringen können. Dagegen sind
Gesinnungsökologie und moralische Appelle alleine, ohne zielführende Analyse – noch etwas direkter ausgedrückt als im hier diskutierten Artikel – unmoralisch, weil es dadurch den Ausbeutern immer
leichter gemacht und der destruktive Status quo zementiert wird.
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